Nr. 273 / Geordnetes Feuer / 50×50 cm / 2026 / Acryl auf Acrylpapier mit Leinenstruktur.
„Geordnetes Feuer“ ist ein Oxymoron und genau darin liegt der Fokus dieser Arbeit: Sie hält zwei Wahrheiten gleichzeitig aus, die sich eigentlich ausschließen sollten. Die Hitze des unkontrollierten Affekts und die kühle Präzision des erkennenden Bewusstseins.
Der Hintergrund dieser Arbeit glüht. Ich habe ihn in Schichten aus Karmesinrot, leuchtendem Orange und verbranntem Ocker aufgebaut; eine Farbwelt, die keine Ruhe kennt.
Die Farben drängen gegeneinander, überlagern sich, verschieben sich in ihrer Intensität und erzeugen eine Tiefe, die weniger gemalt als erlebt ist. Es ist die Gefühlsebene in ihrer reinsten, ungemilderten Form: die Panik als inneres Feuer, das Rot als Warnsignal des Körpers, das Orange als jene kreative Energie, die sich in diesem Zustand in Angst verwandelt. Der Hintergrund lügt nicht. Er zeigt, was ist. Und doch bleibt er nicht allein.
Über diese lodernde Farbigkeit lege ich die weiße Ebene der Arbeit wie einen bewussten Atemzug. Das Weiß ist hier nicht Leere, nicht Abwesenheit, es ist Haltung. Es ist die Gelassenheit, die sich nicht gegen das Feuer stellt, sondern sich über es legt, es filtert, ihm Form gibt, ohne es zu löschen.
In meiner Werkreihe steht das Weiß für die kognitive Ebene, für das Bewusstsein, das sich zwischen Reiz und Reaktion schiebt. Und in dieser Arbeit erfüllt es diese Funktion mit einer Dringlichkeit, die ich selbst beim Malen gespürt habe.
Die Durchlässe, jene pfeilartigen Öffnungen im Weiß, durch die der feurige Hintergrund hindurchbricht, sind das kompositorische Herzstück der Arbeit. Sie sind keine Fehler in der weißen Schicht, keine Risse. Sie sind Setzungen. Bewusste Fenster.
In ihrer Anordnung folgen sie einer diagonalen Bewegung, die von oben links nach unten rechts zieht — eine Richtung, die Dynamik und Dringlichkeit suggeriert, zugleich aber durch ihre Parallelität eine merkwürdige, fast beruhigende Ordnung erzeugt. Das Chaos hat eine Grammatik bekommen.
Genau das ist die bildliche These dieser Arbeit, und es ist meine persönliche Erfahrung. Die Panik ist noch da. Sie dringt durch. Man sieht sie, man spürt sie im Rot, im Orange, in der Wucht der Farben. Aber sie bricht nicht mehr unkontrolliert durch.
Denn das Weiß gibt ihr Form. Und was Form hat, kann benannt werden. Was benannt werden kann, verliert einen Teil seiner Macht.
Zwischen den größeren Durchlässen öffnen sich kleinere, unregelmäßigere Passagen, die zeigen, dass dieser Prozess kein mechanischer ist. Meine Gelassenheit ist keine Mauer, sondern ein lebendiges Gewebe.
Manchmal ist das Weiß dick und deckend, dann wieder dünn und durchscheinend, sodass der Hintergrund hindurchleuchtet wie Glut unter Asche. Diese Varianz ist kein kompositorisches Versehen, sie ist die ehrlichste Aussage, die ich in dieser Arbeit machen konnte: Kontrolle ist hier kein Zustand, sondern ein Prozess. Ein täglich neu verhandelter Waffenstillstand zwischen Gefühl und Verstand.
„Geordnetes Feuer“ ist keine triumphale Arbeit. Ich behaupte darin keine Heilung. Ich zeige etwas, das mir persönlich wertvoller ist: den Moment des Erkennens.
Den kurzen, kostbaren Augenblick, in dem zwischen dem Auflodern der Panik und dem Überwältigt werden ein Raum entsteht. Einen Atemzug breit. Das ist Gelassenheit, nicht als Ziel, sondern als meine gelebte Praxis. Und diese Arbeit ist ihr sichtbarer Beweis.