Nr. 278 / Ruhige Schneisen / 65×50 cm / 2026 / Acryl auf Acrylpapier mit Leinenstruktur.
Es gibt Arbeiten, die ich nicht plane. Sie entstehen aus einem emotionalen Impuls heraus, der stärker ist als jede Absicht. „Ruhige Schneisen“ ist eine solche Arbeit.
Der emotionale Hintergrund dieser Arbeit brennt. Er lodert in tiefen Kadmiumrots und warmen Orangetönen, er glüht in schwerem Ocker und goldenem Gelb, das sich schicht um Schicht aufbaut wie die Sedimente einer langen inneren Geschichte.
Olivgrün und Teal ziehen kühle Adern durch das Geflamme, als wollten sie den Brand nicht löschen, sondern Einhalt gebieten. Blau taucht auf wie eine Erinnerung an Weite, an das, was vor dem Sturm war und nach ihm sein wird.
Diese Farbigkeit ist keine Dekoration. Sie ist Aussage. Sie zeigt den emotionalen Sturm in seiner ganzen Unberechenbarkeit, in seiner Schönheit, in seiner Wucht. Und ich muss gestehen: Je länger ich diese Arbeit betrachte, desto attraktiver wird dieser Aufruhr. Der Sturm hat etwas Anziehendes, wenn man aufhört, ihn zu fürchten.
Quer durch dieses Geflamme ziehen sich zwei weiße Bänder. Sie verlaufen diagonal, einer inneren Logik folgend, die sich nicht rechtfertigt, sondern einfach ist. Das Weiß steht in meinen Arbeiten immer für Gelassenheit, für Freiheit, für Identität. Hier aber übernimmt es eine neue, präzisere Gestalt: Es wird zur Schneise.
Der Begriff kommt aus der Forstwirtschaft und dem Katastrophenschutz, er bezeichnet einen gebahnten Weg durch schwieriges Terrain. Keine Lichtung, die den Wald verdrängt. Kein freigeräumtes Feld. Sondern ein Durchgang, der das Dickicht bestehen lässt und trotzdem einen Weg schafft.
Genau das zeigt diese Arbeit. Die weißen Bänder entfernen nicht den Aufruhr. Sie bahnen einen Weg hindurch. Und sie tun es nicht trotz der Hitze, sondern inmitten von ihr.
„Ruhige Schneisen“ ist keine Arbeit über Emotionen im landläufigen Sinn. Sie handelt von jener Art der Gelassenheit, die nicht wegschaut, wenn der Sturm kommt, sondern hindurchgeht und dabei wahrnimmt: die Farben, die Schichten, die Hitze, die Schönheit des Chaos. Der Weg durch das Feuer macht es nicht kleiner. Er macht den Gehenden größer.
Kulturelle Kontextualisierung
Burnout, Dauerbelastung und emotionale Erschöpfung sind zu einem kulturellen Massenphänomen geworden, und viele Menschen suchen nach Wegen, die nicht einfach aus dem Sturm herausführen, sondern mitten hindurch. Diese Arbeit zeigt genau das: Gelassenheit ist kein Rückzug aus der Intensität des Lebens, sondern die Fähigkeit, sich einen Weg durch sie zu bahnen, ohne die Augen zu schließen. Wer aufhört, den Sturm zu fürchten, beginnt, ihn zu verstehen.
Politische Kontextualisierung
In Krisenzeiten, ob Krieg, Klimawandel oder gesellschaftliche Spaltung, wird von politisch Handelnden oft erwartet, dass sie Ruhe durch Vereinfachung herstellen und die Komplexität des Geschehens wegdefinieren. Diese Arbeit erinnert daran, dass echte Führungsstärke nicht darin besteht, den Sturm zu leugnen, sondern einen begehbaren Weg hindurch zu finden, ohne seine Wucht kleinzureden. Wer das kann, wird nicht kleiner durch die Krise, sondern wächst an ihr.