Arbeit 280 dot Ich canva

Nr. 280 / Ich / 36×48 cm / 2026 / Acryl und Tusche auf Acrylpapier mit Leinenstruktur #Weißfelder des Lebens

Diese Arbeit trägt den Titel „Ich“, und sie ist die persönlichste, die ich bisher geschaffen habe. Sie zeigt mich. Sie zeigt jenes Geflecht, das sich in mir vererbt, verschränkt und verwoben hat zu dem, was ich heute meine Identität nenne.

Die orangen und grünen Bahnen, die sich über die gesamte Bildfläche strecken, sind die Spur meiner mütterlichen Linie. Sie tragen die Erinnerung an die Familie Ferrari, an die Tessiner Generationen von Kirchenmalern, an jene koloristisch, kreative Wärme, die meine Mutterseite mir als Erbe in die Hand gelegt hat. Das Orange brennt mit der Energie einer schöpferischen Kraft, das Grün antwortet mit der ruhigen Ausdauer eines wachsenden Lebens. Wo beide Töne einander begegnen, entstehen bronzene und olivartige Übergänge, in denen ich die Vermischung von Temperament und Geduld erkenne, von Aufbruch und Verwurzelung. Diese Farben bilden in meiner Arbeit die Gefühlsebene. Sie sind das pulsierende Innenleben, das mich von Kindheit an begleitet hat und das sich nie wirklich zur Ruhe begibt.

Wer sich der Arbeit länger zuwendet, entdeckt zwischen den farbigen Bahnen ein zweites Geflecht, eine feine Architektur aus Tuschestrichen, schraffiert, geordnet, präzise. Dies ist die Handschrift meines Vaters. Er war Bauzeichner, ein Meister der Tusche, und ich erinnere mich, wie ich als Kind stundenlang neben ihm saß und sah, wie aus seiner Feder Linie um Linie eine Welt entstand.

Diese Schraffuren tragen die Tradition der Schreiner väterlicher Seite, die handwerkliche Klarheit, das stille Vertrauen in die richtige Linie. Sie bilden in dieser Arbeit die kognitive Ebene, jene Schicht, auf der Denken sich strukturiert und Identität ihre Kontur gewinnt.

Die Komposition des Weiß ist hier von besonderer Art. Es ist nicht zu großen, ruhigen Feldern zusammengefasst, sondern durchzieht das ganze Bildgefüge wie ein feines Atemnetz. Überall dort, wo das Weiß innerhalb der Tuschestriche zwischen den Farbbahnen aufscheint, öffnet sich zugleich ein Durchlass zur Gefühlsebene und ein Halt im kognitiven Gerüst. Beide Erbschaften berühren sich im Weiß, ohne ineinander zu zerfließen. Sie tragen einander.

In meinen Arbeiten steht das Weiß stets für Gelassenheit, Freiheit und Identität, und in dieser Arbeit ganz besonders. Denn in meiner klaren Identität gibt es keine großen Weißfelder, die sich anderen Themen oder fremden Blickwinkeln zuwenden würden. Das Weiß ist hier ungeteilt und tragend. Es zerfällt nicht in Nebenerzählungen, es bricht nicht in Fragmente auseinander. Es ist vollständig, ruhig und souverän, ein einziger zusammenhängender Grund, der mich trägt.

In der Verschränkung der mütterlichen Farbe mit der väterlichen Linie erkenne ich mich. Diese Arbeit ist ein Selbstporträt ohne Gesicht, ein Bekenntnis ohne Worte. Sie erzählt davon, dass Identität niemals aus einer einzigen Quelle entspringt, sondern aus dem Zusammenklang dessen, was uns vorausgegangen ist. Und sie erzählt zugleich davon, dass aus diesem Zusammenklang etwas Eigenes hervorgeht, etwas, das nur ich sein kann.

 

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