Nr. 285 / Die Übung des Selbst / 50×65 cm / 2026 / Acryl und Tusche auf Acrylpapier mit Leinenstruktur #Weißfelder des Lebens
„Die Übung des Selbst“ ist eine Arbeit über das, was uns formt, wenn wir aufhören zu warten.
Der türkisfarbene Untergrund dieser Arbeit ist kein leerer Raum, sondern ein dicht gewobenes Geflecht aus Tuscheschraffuren: Bögen, Dreiecke, ineinander geschachtelte Formen, die sich überlagern und eine ungewöhnliche, fast architektonische Tiefe erzeugen. Diese Schicht ist die Gefühlsebene, der emotionale Boden, auf dem sich alles andere entfaltet. Er ist nicht still. Er vibriert.
Darüber legen sich die violetten und tiefpurpurnen Gesten mit voller Wucht in die Fläche. Breite, schwunghafte Züge durchqueren die Komposition in mehrere Richtungen, kreuzen sich, überlagern einander und erzeugen ein kraftvolles Spannungsfeld, das den Blick nicht zur Ruhe kommen lässt.
Das Violett trägt in dieser Arbeit die Intensität des Unbequemen: Es ist die Farbe des Widerstands, der Reibung, der Transformation. Es ist nicht schön in einem gefälligen Sinne. Es ist ehrlich. Und gerade darin liegt seine besondere Schönheit.
Inmitten dieser Dynamik öffnen sich die weißen Zonen wie bewusste Atemzüge. Sie sind nicht Stille im Sinne von Abwesenheit, sondern Identität im Sinne von Anwesenheit.
Das Weiß steht in meinen Arbeiten immer für das, was bleibt, wenn man die Schichten des Unbehagens durchquert hat: ein klareres Selbst, ein gefestigteres Fundament, eine neue Freiheit.
Die weißen Felder sind die Orte, an denen Gelassenheit sichtbar wird. Nicht als Vermeidung des Schwierigen, sondern als Frucht des Durchgangs durch es.
An vielen Stellen schimmert das türkisfarbene Hintergrundflechtwerk durch die violetten Züge hindurch, dort wo die Farbe gezielt Raum freilässt. Diese Durchlässe sind kein Zufall. Sie halten die Verbindung zur emotionalen Tiefe lebendig und erinnern daran, dass das Fundament immer sichtbar bleibt, auch wenn sich viel darüber schichtet.
Was diese Arbeit beschreibt, ist kein Ereignis, sondern eine Haltung. Das Selbst entsteht nicht in bequemen Momenten, sondern dort, wo wir uns bewusst dem Widerstand aussetzen. Täglich. In kleinen, gezielten Dosen. Wie ein Muskel, der nur wächst, wenn er gefordert wird. „Die Übung des Selbst“ ist die Darstellung dieser täglichen Praxis: rau, intensiv, komplex und zutiefst lebendig.
Kulturelle Kontextualisierung
Die Kultur der Selbstdarstellung in sozialen Medien zeigt fast immer das fertige Ergebnis, nie den mühsamen Weg dorthin. Diese Arbeit macht sichtbar, was dabei fehlt: die Reibung, die Intensität und das Unbequeme, das echte Entwicklung erst möglich macht. Das Selbst ist hier kein Produkt, das man präsentiert, sondern ein Prozess, den man täglich durchläuft.
Politische Kontextualisierung
In einer Zeit, in der öffentliche Personen zunehmend Stärke durch Lautstärke demonstrieren, erinnert diese Arbeit daran, dass echte innere Stärke durch Auseinandersetzung mit sich selbst entsteht, nicht durch Außenwirkung. Das Weiß, das sich über den Widerstand legt, ohne ihn zu löschen, beschreibt eine Form von Haltung, die im politischen Raum selten geworden ist. Gelassenheit ist hier keine Schwäche, sondern das Ergebnis einer gelebten inneren Praxis.