Nr. 290 / Alter Schmerz, neues Licht / 50×65 cm / 2026 / Acryl und Tusche auf Acrylpapier mit Leinenstruktur
Es gibt Momente im Leben, in denen die Vergangenheit nicht wartet, bis man bereit ist. Sie schießt herein. Ungefragt, unvermittelt, mit einer Wucht, die den Atem stocken lässt.
Genau diesen Moment zeigt meine Arbeit mit einer kompositorischen Entschiedenheit, die mich selbst immer wieder trifft, wenn ich sie betrachte.
Ein mächtiger orangeroter Balken durchschneidet die Bildfläche diagonal von unten rechts nach oben links. Er ist breit, drängend und von innen heraus leuchtend. In ihm wechseln Sienabraun, Rostrot und ein fast glutartiges Orange einander ab, durchzogen von kurzen hellen Spuren, die wirken wie Erinnerungsfetzen, die in der Bewegung aufblitzen.
Dieser Balken ist kein Element unter anderen. Er ist der Trigger. Er ist das, was aus einer längst vergangenen Tiefe plötzlich ins Jetzt einbricht.
Der Flügel darunter
Unter diesem Einschlag liegt eine ganz andere Energie, ruhiger, weiter, voller Bewegung in einem anderen Sinn.
Breite weiße Pinselspuren schwingen in weichen Bögen über den türkisfarbenen Grund. Sie erinnern unwillkürlich an die Schwungfedern eines Vogels im Flug, an ein Wesen, das sich in seinem Element befindet und das den Luftraum um sich herum kennt.
Das Türkis des Hintergrundes ist dabei keine neutrale Folie. Es ist die Gefühlsebene, auf der sich diese Arbeit entfaltet: klar, weit, kühl im besten Sinne, wie ein Bewusstsein, das sich seiner selbst sicher ist. Diese Farbe steht für den Zustand, in dem ich mich befinde, wenn der Trigger noch nicht eingeschlagen hat. Sie ist das Fliegen durch das eigene Leben selbst.
Das Weiß als Gelassenheit
Das Weiß dieser Arbeit ist nicht Gelassenheit als Abwesenheit. Es ist die Substanz, die trägt, auch wenn etwas von außen hindurchdrängt. Besonders eindrücklich wird das an jenen Stellen, an denen das Weiß der Flügelschwünge unter dem orangeroten Balken hindurchscheint, dort, wo der Trigger auf die Gelassenheit trifft und sie nicht auslöscht, sondern ihr begegnet.
Diese Durchlässe sind für mich das Herzstück der Arbeit. Sie zeigen, dass der Einschlag zwar sichtbar ist, zwar Spuren hinterlässt, aber die tragende Struktur darunter nicht auflöst. Das Weiß bleibt. Es behauptet sich. Es ist der Moment, in dem die Gelassenheit beginnt, die Oberhand zurückzugewinnen. Nicht durch Widerstand, sondern durch bloßes Dasein.
Die Tiefe des Hintergrundes
Wer länger schaut, entdeckt in den Ecken und in den Randzonen der Arbeit etwas, das sich nicht sofort erschließt. Dort liegen Tuscheschraffuren in geometrischen Formen, dicht, kleinteilig und von einer Komplexität, die man erst auf den zweiten oder dritten Blick erfasst.
Sie sind in das Türkis eingebettet, fast verborgen hinter den gestischen Oberschichten, und genau darin liegt ihre Bedeutung. Sie stehen für die Tiefe des Lebens und der Identität, für jene Schichten der eigenen Geschichte, die nicht auf der Oberfläche sichtbar sind, aber alles tragen, was darüber liegt.
Die Schraffuren sind nicht dekorativ. Sie sind strukturell. Sie sind das Sediment der eigenen Erfahrung, auf dem sich Gelassenheit und Freiheit überhaupt erst aufbauen können.
Transformation als Bildgeschehen
Was diese Arbeit ausmacht, ist, dass sie nicht einen statischen Zustand abbildet, sondern einen Prozess.
Man sieht den Trigger, man sieht den Flügel, man sieht das Weiß, das nicht weicht, und man sieht die Tiefe darunter. Das ist keine Abbildung von Schmerz und das ist keine Abbildung von Freiheit. Es ist das Dazwischen.
Es ist der Moment, in dem beides gleichzeitig wahr ist. Alter Schmerz und neues Licht schließen einander nicht aus.
Sie begegnen einander in dieser Arbeit auf eine Weise, die ich als zutiefst menschlich empfinde.
Gelassenheit ist für mich kein Zustand, den man erreicht, indem man dem Schwierigen ausweicht. Sie entsteht im Durchgang durch es hindurch, im Aushalten des Einschlags, im Wissen, dass der Flügel darunter trägt.
Kulturelle Kontextualisierung
Wir leben in einer Zeit, in der das Thema psychische Verletzbarkeit endlich aus der Stille herausgetreten ist und gesellschaftliche Sichtbarkeit gewonnen hat. Trigger und Trauma sind keine Fachbegriffe mehr, sondern Begriffe einer neuen Selbstaufmerksamkeit, die viele Menschen gerade erst lernen zu benennen. Diese Arbeit nimmt diesen kulturellen Moment ernst und gibt ihm eine Form, die über das Persönliche hinausweist und das Universelle berührt.
Politische Kontextualisierung
In einer politischen Gegenwart, die von Polarisierung, lautem Schmerz und der Rückkehr alter Verletzungen geprägt ist, stellt diese Arbeit eine stille Gegenfrage. Was wäre, wenn Gelassenheit keine Schwäche wäre, sondern die eigentliche Stärke gegenüber dem Einschlag des Alten? Das Weiß, das sich unter dem Trigger behauptet, ist ein politisches Bild der inneren Souveränität, die sich auch dann nicht auflöst, wenn die Umgebung laut, drängend und übergriffig wird.