Nr. 292 / Weitermalen / 50×65 cm / 2026 / Acryl und Tusche auf Acrylpapier mit Leinenstruktur
Weitermalen ist für mich kein Vorgang am Malgrund, sondern eine Lebenshaltung, die ich in dieser Arbeit zur Form werden lasse.
Das Wort trägt eine doppelte Bewegung in sich, denn es meint das Fortsetzen einer Geste und zugleich das Fortführen des eigenen Daseins. Wer weitermalt, hält nicht inne im Zweifel und wartet nicht auf den Augenblick vollkommener Sicherheit, sondern setzt den nächsten Strich aus dem, was jetzt vor ihm liegt.
So wird der Titel zum Versprechen, dass die Zukunft zwar gedacht und geplant sein darf, das Leben selbst aber im Hier und Jetzt entsteht. Diese Arbeit ist die sichtbare Gestalt eines fortwährenden Beginnens.
Die Komposition steigt in einer kraftvollen Diagonale auf und führt das Auge von der unteren Mitte in eine offene Höhe, als folge es einem Gedanken, der sich seinen Weg sucht. Im Kern ballt sich ein Bündel breiter Spuren zu einer bewegten Achse, die das Format wie eine aufrechte Geste durchmisst.
An den Flanken und in den Ecken entfalten sich die Tuscheschraffuren in dreieckigen und kantigen Formen, die sich ineinander schachteln und Fächer über Fächer legen. Aus dieser Staffelung der feinen Linienlagen wächst eine spürbare Tiefe, ein Vorne der dichten Setzungen, ein Dazwischen der lichten Bahnen und ein Dahinter der stillen Linienfelder. Die geschachtelten Schraffurschichten wirken wie das geordnete Nachdenken, das hinter jedem Handeln steht und ihm seinen Raum gibt.
Das strahlende Gelb bildet die Gefühlsebene dieser Arbeit, und es steht für das Leben in seiner wachen, ungebremsten Gegenwart. Es ist kein passiver Untergrund, sondern ein klingender Boden, der jede Spur aufnimmt und mit Energie auflädt. In diesem Gelb liegt die Bejahung des Augenblicks, jene Helligkeit, in der das Leben sich ereignet und nicht bloß betrachtet wird.
Über diesen lichten Grund legen sich die hellen und die sehr dunklen violetten Spuren, und sie verkörpern die Ereignisse, die ein Leben verändern und prägen.
Die helleren Töne sprechen von Wendungen, die noch durchscheinend und beweglich bleiben, während die tiefen, beinahe schwarzen Passagen von einschneidenden Erschütterungen erzählen.
Diese Spuren durchqueren das Gelb, kreuzen und überlagern es, und doch verdrängen sie es nicht, sondern weben sich in das Leben ein wie Erfahrungen, die ihren festen Platz finden.
Das Weiß ist auch in dieser Arbeit der aktive Ort von Gelassenheit, Freiheit und Identität, und es behauptet sich inmitten der Bewegung. Es ist nicht Stille als Abwesenheit, sondern Identität als Anwesenheit, ein Feld, das hält, klärt und sich nicht fortreißen lässt.
Hier nimmt das Weiß die Gestalt der Reflexion an, jener Kraft, eine plötzliche Veränderung anzunehmen und sie unmittelbar in den eigenen Gang aufzunehmen. So wird das Weiß zum Übergang zwischen dem, was geschieht, und dem, was ich daraus weiterführe, und es bleibt souverän, wenn das Violett am stärksten drängt.
Die Tuscheschraffuren stehen für das aktive Tun, für die kognitive Dimension des Handelns, das sich Strich um Strich verwirklicht. Ich habe sie mit Bedacht nur begonnen und nicht zu Ende geführt, und in diesem Offenen liegt der eigentliche Kern dieser Arbeit.
Der Betrachter ist eingeladen, die Schraffuren in Gedanken fortzusetzen, so wie jeder Mensch sein eigenes Leben Strich um Strich und Schritt für Schritt weitermalt.
Genau hier zeigt sich Gelassenheit als aktiver Durchgang, denn sie weicht der Veränderung nicht aus, sondern macht den Widerstand begehbar und verwandelt ihn in Bewegung. Diese Arbeit reicht dem Betrachter gleichsam den Pinsel und bittet ihn, weiterzumalen.
Kulturelle Kontextualisierung
Unsere Kultur verehrt das Vollendete und misstraut dem Unfertigen, doch diese Arbeit erhebt das Begonnene zur eigentlichen Stärke. Wo Optimierungsdenken und Künstliche Intelligenz versprechen, jeden Weg vorab zu glätten und zu berechnen, behauptet das offene Weiterführen die Würde des eigenen Handelns. Lebendigkeit entsteht dort, wo wir den Pinsel nicht aus der Hand geben, sondern im Augenblick den nächsten Strich wagen.
Politische Kontextualisierung
In einer Zeit der Multikrisen und der Polarisierung erstarren viele Menschen im Gefühl, ohnehin nichts bewegen zu können. Diese Arbeit setzt dagegen das tatkräftige Weitergehen, denn eine freie, tolerante und ökologisch verantwortliche Gesellschaft entsteht nicht aus dem Warten auf den perfekten Plan. Demokratie lebt davon, dass wir gemeinsam weitermalen und die unfertigen Felder unserer Zukunft nicht den lautesten Vereinfachern überlassen.