Nr. 293 / Weißprägung / 50×65 cm / 2026 / Acryl und Tusche auf Acrylpapier mit Leinenstruktur #Weißfelder des Lebens
Wenn ich vor dieser Arbeit stehe, sehe ich zuerst die großen weißen Bahnen, die sich diagonal und vertikal durch das gesamte Feld ziehen. Sie kreuzen sich, sie überlagern sich, sie bündeln sich zu einem Geflecht, das nichts Zufälliges an sich hat.
Diese Bahnen tragen unterschiedliche Weißtöne in sich, Titanweiß neben Mischweiß, Cremeweiß neben Elfenbeinweiß, und genau in dieser Vielfalt liegt für mich die eigentliche Aussage. Gelassenheit ist kein einheitlicher Zustand, den man einmal erreicht und dann besitzt. Sie hat viele Nuancen, viele Temperaturen, viele Reifegrade, so wie diese Weißtöne, die sich gegenseitig ergänzen und dennoch jeder für sich eine eigene Klarheit behaupten.
Die Komposition dieser Arbeit lebt von einer Schachtelung, die sich erst beim genauen Hinsehen offenbart. Unter den weißen Bahnen liegen zwei Schraffurebenen, die sich in ihrer Struktur deutlich voneinander unterscheiden.
Die obere Ebene besteht aus grünen und orangen Tuscheschraffuren, die in raschen, gerichteten Linien über die Fläche verlaufen und für meine Talente und individuellen Fähigkeiten stehen.
Darunter, dichter gepackt liegt eine zweite Ebene aus schwarzen Schraffuren. Diese schwarze Schicht reicht tiefer in die Fläche hinein und erzeugt eine räumliche Tiefenwirkung, die das Auge unweigerlich nach innen zieht. Genau diese Schachtelung der Schraffurschichten ist es, die der Arbeit ihre innere Tiefe verleiht, eine Tiefe, die nicht auf der Oberfläche bleibt, sondern den Betrachter einlädt, durch die Schichten hindurchzuwandern.
Die Schraffurfarben dieser Arbeit sprechen von zwei sehr unterschiedlichen inneren Zuständen. Das Grün und das Orange der oberen Schraffurebene stehen für die Gefühlsebene meiner Talente, für jene Fähigkeiten, die in mir angelegt sind und die ich im Leben immer wieder neu entdecke und einsetze.
Das Schwarz der zweiten Ebene dagegen trägt eine andere emotionale Last. Es steht für eine tiefe, teils schmerzliche Vergangenheit, für Irrwege und Umwege, die einmal übermächtig erschienen und die nun, unter dem Gewicht der weißen Prägung, zunehmend an Bedeutung verlieren. Beide Ebenen bleiben sichtbar, keine verdrängt die andere vollständig, und genau darin zeigt sich, dass Gelassenheit niemals ein Auslöschen der Vergangenheit bedeutet, sondern ein neues Verhältnis zu ihr.
Weiß als Prägung, nicht als Leere
Das Weiß in dieser Arbeit ist keine Leerstelle und keine Stille im Sinne einer Abwesenheit. Es ist Anwesenheit in ihrer reinsten Form, es ist Identität, die sich Bahn bricht. Der Titel Weißprägung trifft genau diesen Vorgang. Prägung bedeutet, dass etwas sich einschreibt, dass es Form annimmt und bleibt, während es entsteht. So verstehe ich die großen weißen Striche dieser Arbeit, sie sind die sichtbare Spur einer Gelassenheit, die sich zunehmend in alles einschreibt, was ich tue, in mein Denken, mein Handeln, meine Haltung gegenüber der Welt.
Durchlässe als lebendige Verbindung
Zwischen den weißen Bahnen öffnen sich immer wieder Flächen, durch die die farbigen und schwarzen Schraffuren hindurchscheinen. Diese Durchlässe sind keine Unvollkommenheit, sie sind bewusst gesetzte Öffnungen. Sie verhindern, dass das Weiß sich abschließt und zu einer reinen Oberfläche erstarrt. Stattdessen halten sie die Verbindung zur emotionalen Tiefe der Arbeit lebendig, sie erinnern daran, dass Gelassenheit niemals losgelöst von dem existiert, was darunter liegt, sondern immer im Dialog mit ihm steht.
Gelassenheit als Durchgang
Diese Arbeit erzählt für mich von einer Gelassenheit, die kein Rückzug ist. Sie ist kein Ausweichen vor den schwarzen Schraffuren der Vergangenheit und auch kein bloßes Feiern der grünen und orangen Talente. Sie ist ein aktiver Durchgang durch beides hindurch. Die weißen Bahnen legen sich über die Schichten, ohne sie zu verleugnen, und machen so den Widerstand selbst begehbar. Genau darin liegt die Prägung, von der der Titel spricht, eine Identität, die sich im Gehen durch die eigene Geschichte formt.
Kulturelle Kontextualisierung
In einer Zeit, in der Selbstoptimierung oft mit Verdrängung verwechselt wird, erinnert diese Arbeit daran, dass echte Reife die eigene Vergangenheit sichtbar lässt. Viele aktuelle Diskurse in Kunst und Gesellschaft feiern Brüche und Wunden, statt sie zu verstecken, und genau das spiegelt sich in den Durchlässen dieser Arbeit.
„Wer heute nach Identität sucht, findet sie selten in Reinheit, sondern in der ehrlichen Schichtung des eigenen Lebens.“
Politische Kontextualisierung
In einer politischen Gegenwart, die von schneller Polarisierung und lauten Vereinfachungen geprägt ist, plädiert diese Arbeit leise für Komplexität und Geduld. Gelassenheit ist hier kein Rückzug aus der Debatte, sondern die Fähigkeit, unterschiedliche Wahrheiten nebeneinander bestehen zu lassen, so wie die verschiedenen Weißtöne dieser Arbeit. Eine offene, tolerante Gesellschaft braucht genau diese Haltung, um Vergangenes zu integrieren, statt es zu verdrängen oder zu instrumentalisieren.