Nr. 274 / Im Leben der Möglichkeiten / 65×50 cm / 2026 / Acryl und Tusche auf Acrylpapier mit Leinenstruktur
Es gibt Arbeiten, die nicht erklärt werden wollen. Sie wollen erlebt werden. „Im Leben der Möglichkeiten“ ist eine solche Arbeit. Sie ist entstanden aus einer tiefen Überzeugung heraus, die mich seit Jahren begleitet und die ich nun mit Pinsel, Tusche und Farbe auf die Bildfläche gebracht habe: Unser Leben ist unendlich reich an Möglichkeiten. Wir sehen sie nur zu selten. Wir müssen lernen, sie zu erkennen, und noch mehr, sie wirklich zu ergreifen.
Die Schichtung als Weltbild
Handwerklich arbeiten alle Werke dieser Reihe mit Schichtung, Überlagerung und Verdichtung. Diese Arbeit ist in drei klar unterscheidbare, und doch untrennbar miteinander verwobene Ebenen gegliedert. Wer die Komposition aufmerksam betrachtet, entdeckt ein Bildgeschehen von außerordentlicher Tiefe, das sich nicht auf einen Blick erschließt, sondern sich dem Betrachter Schicht für Schicht offenbart, wie ein Gespräch, das Zeit braucht, um sein Eigentliches zu sagen.
Die unterste Ebene bildet ein warm leuchtendes Feld aus Gelb, Orange und Korallrot, das ich mit dünnen, konstruierten Tuschelinien überzogen habe. Diese geometrischen Linien, akkurat und ruhig gezogen, sind keine Dekoration. Sie stehen für die kognitive Ebene des Menschen, für das ordnende Denken, das Analysieren, das Einteilen der Welt in verstehbare Raster.
Und doch liegt darunter, unberührt von aller Ratio, der warme Puls des Gefühlslebens: Das leuchtende Orange und das vibrierende Terrakotta sind die emotionale Grundierung dieses Lebens, der Untergrund, auf dem alles Denken erst wächst. Es gibt ein Vorne, ein Dazwischen und ein Dahinter. Genau das entspricht meinem Blick auf das Leben: Es ist nie eindimensional. Es besteht aus Ebenen, Erfahrungen, Spannungen, Erinnerungen und Richtungen, die gleichzeitig wirksam sind.
Das Grün als Versprechen
Über diese strukturierte Grundebene lege ich die zweite, die eigentliche Bildsprache dieser Arbeit: breite, gestische Pinselzüge in den vollen Grüntönen des Lebendigen. Smaragd, Gelbgrün, Tannengrün und helles Frühlingsgrün überlagern sich, kreuzen einander, stoßen aneinander und öffnen sich wieder.
Diese grünen Bewegungen sind die Möglichkeiten selbst. Sie sind nicht gezähmt. Sie folgen keiner Schablone. Sie bahnen sich ihren Weg mit einer Energie, die an tropisches Wachstum erinnert, an Bambus, der durch Beton wächst, an Gras, das sich durch jeden Spalt seinen Weg ins Licht sucht.
Das Leben ist kein stilles Arrangement. Es ist ein Geflecht aus Impulsen, Brüchen, Übergängen und neuen Ausrichtungen. Genau das sehe ich in den Diagonalen dieser Arbeit: Sie weisen nicht in eine Richtung, sondern in viele. Sie sind nicht Ausweg, sondern Angebot. Wer das Bild lange genug betrachtet, spürt, dass all diese Bewegungen nicht chaotisch sind. Sie sind das lebendige Bild der Fülle, die entsteht, wenn man aufhört, das Leben zu kontrollieren, und beginnt, es zu bewohnen.
Das Weiß als tragende Kraft
Doch das Eigentliche dieser Arbeit, das, was mir am meisten bedeutet, sind nicht die Grüntöne in ihrer ganzen Leuchtkraft. Es sind die weißen Felder, die zwischen ihnen aufscheinen. In dieser Werkreihe ist Weiß ein aktiver Raum. Es steht für Identität, Gelassenheit und Freiheit.
Es ist der Bereich im Bild, in dem sich etwas hält, klärt und behauptet, selbst dann, wenn das Leben in Bewegung ist, drängt, schiebt, sich überlagert oder widersprüchlich erscheint.
Diese Weißfelder sind die stille Mitte des Bildes, obwohl sie keine geometrische Mitte haben. Sie sind keine Pausen. Sie sind Atemzüge. Sie erinnern daran, dass inmitten aller Möglichkeiten, inmitten aller Bewegung und allem Wachstum, immer auch ein Kern von Ruhe und Identität bleibt, oder besser: bleiben kann, wenn man ihn pflegt.
Die innere Souveränität als Kompositionsprinzip
Die Weißfelder stehen dabei nicht außerhalb dieser Spannung, sondern mitten in ihr. Genau darin liegt ihre Bedeutung: Identität, Gelassenheit und Freiheit entstehen nicht abseits des Lebens, sondern in Resonanz mit ihm.
So versteht sich auch die Komposition dieser Arbeit als Aussage über innere Haltung. Die Bildfläche ist vollständig aktiv, keine Ecke bleibt unbesetzt, kein Winkel ist gleichgültig. Und dennoch: Es atmet. Es hat Raum. Das ist kein Zufall und keine handwerkliche Entscheidung allein.
Es ist eine Überzeugung, die aus meiner Arbeit als Innovationsberater und aus meinem Leben stammt: Wer die Möglichkeiten des Lebens wirklich sehen will, muss einen inneren Ort kultivieren, von dem aus er in die Fülle schaut, ohne von ihr überwältigt zu werden.
Ich stamme aus einer langen Tradition von Malern, Künstlern und Schreinern. In diesem Bild verbindet sich auch zum allerersten Mal meine künstlerische Seite mit der konstruierenden Seite der Schreiner und Bauzeichner, die hier erstmalig durch die Tusche repräsentiert wird. Diese Tradition lebt in mir nicht als Last, sondern als große Ermutigung: Das Bild kann mehr tragen, als man ihm auf den ersten Blick ansieht. Es kann Gedanken und Gefühle gleichzeitig beherbergen. Es kann Fragen stellen, ohne Antworten zu schulden.
„Im Leben der Möglichkeiten“ ist eine solche Einladung. Treten Sie näher. Bleiben Sie einen Moment länger, als Sie es gewohnt sind. Die Möglichkeiten sind schon da.