Nr. 287 / Voted for me / 50×65 cm / 2026 / Acryl und Tusche auf Acrylpapier mit Leinenstruktur #Weißfelder des Lebens
Es gibt Momente im Leben, in denen eine einzige Geste alles verändert.
In dieser Arbeit symbolisiert ein Kreuz diese Geste. Kein Zeichen der Last, kein Symbol der Aufgabe, sondern ein Votum. Eine bewusste, handschriftliche Setzung für das eigene Leben.
Das große Kreuz, das diese Arbeit kompositorisch beherrscht und trägt, ist auf dem Stimmzettel der eigenen inneren Souveränität platziert. Ich habe für mich gestimmt.
Die Komposition entfaltet sich aus einer kraftvollen diagonalen Kreuzstruktur heraus, deren beide Arme sich in der Bildmitte begegnen und dort eine Zone der Verdichtung erzeugen, die sowohl visuell als auch inhaltlich das Zentrum der Arbeit bildet.
Die Schenkel des Kreuzes sind keine geometrischen Konstrukte, sondern bewegte, gelebte Formen, die sich nach oben hin aufweiten und öffnen, als würden sie in den Bildraum hinein atmen. Die Kreuzform verlässt den Bildrand dabei nicht, sie behauptet sich als tektonische Figur, die den gesamten Bildkörper trägt und gliedert.
In den Randbereichen umgeben einige Tuscheschraffuren in triangulär geschachtelten Formen die Komposition wie ein feingewebtes Gedächtnis. Diese Schraffuren öffnen schichtweise Tiefenebenen, die das Auge einladen, hinter die sichtbare Oberfläche zu schauen, tiefer zu bohren, mehr zu entdecken als das, was sich unmittelbar zeigt.
Die kognitive Dimension dieser Arbeit liegt genau dort: in diesen dichten, präzisen Linien, die das emotionale Geschehen des Hintergrundes kommentieren, kontextualisieren und in Ordnung zu bringen versuchen.
Der Hintergrund dieser Arbeit brennt in einem warmen, drängenden Orange. Dieses Orange ist keine dekorative Entscheidung. Es ist die emotionale Grundtemperatur des Lebens selbst: Energie, Dringlichkeit, der warme Atem des Hier und Jetzt. In dieses Orange brechen an einzelnen Stellen Pink und Gelb ein, die wie unvermutete Gefühlsspitzen aus der Tiefe des Bildkörpers aufsteigen und deutlich machen, dass keine Emotion eine einfache, einheitliche Farbe hat.
Das Leben ist in dieser Arbeit keine homogene Fläche, es ist ein Vibrieren, ein Schichten, ein gleichzeitiges Anwesendsein von Wärme, Intensität und unerwarteten Augenblicken des Aufhellens.
Das Weiß, das über den Kreuzbalken liegt, ist das Zentrum des Bekenntnisses. Es ist keine Stille und kein Rückzug. Es ist Identität als Anwesenheit. Es ist Gelassenheit als aktive Haltung, die nicht trotz des hitzigen Oranges besteht, sondern mitten in ihm.
Dieses Weiß hat eine besondere Qualität in dieser Arbeit: Es ist nicht glatt, es ist nicht makellos, es trägt die Spuren der Begegnung mit dem Hintergrund, mit der Bewegung, mit dem Leben. Und genau darin liegt seine Wahrheit. Freiheit ist kein leerer Zustand, sie ist das Ergebnis einer gelebten, entschiedenen Wahl.
Die Durchlässe in dieser Arbeit verdienen besondere Aufmerksamkeit. An jenen Stellen, an denen das Weiß der Kreuzstruktur nicht vollständig schließt, dort wo das Orange und die Tuscheschraffuren durch die weiße Schicht hindurchscheinen, entstehen Zonen der lebendigen Verbindung. Diese Durchlässe sind keine Lücken, keine Fehler, keine Unvollständigkeiten. Sie sind die Stellen, an denen die emotionale Tiefe des Lebens mit der Sphäre der Identität in direkten Kontakt tritt. Das Weiß begegnet hier dem Hintergrund nicht als Gegner, sondern als Partner. Die Durchlässe halten die Verbindung zur Gefühlsebene lebendig und zeigen, dass Selbstfürsorge keine Isolation ist, sondern eine Form der inneren Durchlässigkeit.
Diese Arbeit ist für mich ein grundlegendes Statement. Sich zunächst für sich selbst zu entscheiden ist nicht Egoismus, es ist die Voraussetzung dafür, überhaupt in der Lage zu sein, anderen Menschen etwas zu geben.
Das Kreuz auf dem Stimmzettel des eigenen Lebens ist nicht eine Absage an die Welt, es ist der Startpunkt einer tiefen, fähigen Zuwendung zu ihr. Ich habe dieses Votum gesetzt. Und in diesem Weiß, das die Kreuzform krönt, liegt die Freiheit, die dazu gehört.
Kulturelle Kontextualisierung
In einer Zeit, in der Selbstoptimierung und permanente Erreichbarkeit als gesellschaftliche Normen gelten, setzt diese Arbeit einen deutlich anderen Akzent. Die Haltung, sich zunächst für sich selbst zu entscheiden, erlebt gerade eine tiefgreifende kulturelle Neubewertung, die von Diskursen rund um mentale Gesundheit, Burnout und die Grenzen des Leistungsparadigmas angetrieben wird. Selbstfürsorge und Selbstführung wird zunehmend nicht als Schwäche, sondern als fundamentale Kompetenz verstanden. Diese Arbeit verleiht diesem kulturellen Wandel eine bildsprachliche Form, die über das Illustrative hinausgeht und die innere Entscheidung als universelle menschliche Kerngeste sichtbar macht.
Politische Kontextualisierung
Das Kreuz als Stimmzettelgeste trägt in der heutigen politischen Realität eine doppelte Ladung. In Zeiten, in denen demokratische Teilhabe, Identitätspolitik und die Frage nach dem eigenen Platz in der Gesellschaft intensiv verhandelt werden, ist die Wahl als symbolischer Akt hochpolitisch aufgeladen. Diese Arbeit erinnert daran, dass jede politische Entscheidung einer inneren, persönlichen vorausgeht und dass eine Gesellschaft, deren Mitglieder verlernt haben, für sich selbst zu stimmen, in öffentlichen Abstimmungen die eigene Stimme leicht an andere verlieren.