Nr. 288 / Aufrichtung / 50×65 cm / 2026 / Acryl und Tusche auf Acrylpapier mit Leinenstruktur #Weißfelder des Lebens
Wer vor dieser Arbeit steht, spürt sofort eine nach oben strebende Energie, die sich aus dem unteren Bildzentrum heraus entfaltet und den gesamten Bildraum durchwirkt. Die weißen und roten Formen stoßen nicht einfach nach oben, sie erheben sich in einem fächerartigen Schwung, der an das Aufrichten einer lebendigen Gestalt erinnert, an das Aufstehen nach einem Sturz, an den Moment, in dem der Körper und der Geist sich wieder sammeln.
Diese Geste ist das Thema der Arbeit. Alles andere im Bild ist Kontext für diesen einen, zentralen Vorgang des sich Aufrichtens.
Der Hintergrund: die Gefühlsebene
Der Hintergrund dieser Arbeit ist ein warmes, leuchtendes Gewebe aus Ocker und Gelb. Diese Farben tragen keine Schwere in sich, sondern eine grundlegende Wärme, die nicht Harmlosigkeit bedeutet, sondern jene intensive Lebendigkeit, die den Boden bildet, auf dem sich alles Weitere entfaltet.
Das Ocker ist geerdet, fast mineral, während das Gelb in manchen Bereichen fast luminös aufleuchtet und an inneres Licht erinnert. Zusammen formen diese beiden Farben eine Gefühlsebene, die Wärme, Lebenswille und eine fragile, aber echte Hoffnung ausstrahlt.
Es ist kein ruhiger Hintergrund, sondern ein lebendiger, atmender Grund, aus dem die zentrale Bewegung der Arbeit herauswächst.
Die Tuscheschraffuren: die kognitive Dimension
Den gesamten Hintergrund durchziehen feine, geometrische Tuscheschraffuren in kleinteiligen, sich überlagernden Dreiecksformen. Diese Schraffuren bilden ein dichtes kognitives Netz, das das emotionale Geschehen des Hintergrundes einrahmt und strukturiert.
In den Randbereichen, wo das Ocker und das Gelb ruhiger werden, ist dieses Netz besonders sichtbar, fast wie eine kartographische Erfassung des inneren Zustands. Die Schachtelung der Dreiecksformen erzeugt eine Tiefenwirkung: Es gibt Ebenen hinter Ebenen, eine kognitive Komplexität, die zeigt, wie das Denken in einer solchen Lebenssituation arbeitet, kreisend, ordnend, suchend, vergleichend.
Die Tuschlinien halten die Gefühlsebene nicht fest; sie begleiten sie mit einer kühlen, strukturierenden Intelligenz.
Das Weiß und das Rot: Identität inmitten des Schmerzes
Das Weiß ist in dieser Arbeit das Entscheidende. Es erhebt sich aus dem unteren Mittelbereich des Bildes in breiten, nach oben sich öffnenden Bahnen, die wie Schwingen oder Blätter einer aufgehenden Blüte anmuten.
Dieses Weiß steht für die eigene Identität, für die Klarheit über sich selbst, die einen nach einem Tiefschlag wieder aufrichtet. Und diese Identität trägt in sich das Rot: nicht als Hintergrundfarbe, sondern als Teil der aufsteigenden Form selbst.
Das Rot ist der Schmerz, die Erschütterung, das rohe Erleben, das in die Identität eingeschrieben ist und nicht von ihr getrennt werden kann. Die weißen und roten Felder durchdringen einander, bedingen einander, und genau darin liegt die eigentliche Aussage dieser Arbeit.
Aufrichtung bedeutet nicht, den Schmerz hinter sich zu lassen, sondern ihn als Teil der eigenen Geschichte anzunehmen und ihn mit aufzurichten.
Die Durchlässe: Verbindung zur Tiefe
An mehreren Stellen öffnet das Weiß sich, lässt Durchlässe entstehen, durch die das darunter liegende Ocker und Gelb des Hintergrundes hindurchscheinen. Diese Durchlässe sind keine Schwächen in der Identität, sondern ihre Ehrlichkeit.
Die emotionale Grundierung, die Wärme und der Lebenswille des Ockers und Gelbs, bleibt sichtbar. Identität, die sich aufrichtet, verschweigt ihre Tiefe nicht. Sie trägt sie sichtbar in sich. Die Durchlässe halten die Verbindung zur Gefühlsebene lebendig und machen die Aufrichtung zu einem ehrlichen, nicht zu einem triumphalen Vorgang.
Die Komposition: Fächer und Streben
Kompositorisch ist diese Arbeit auf eine einzige zentrale Bewegung ausgerichtet. Aus einem unteren Angelpunkt heraus öffnet sich ein Fächer von weißen, rot durchzogenen Formen nach oben und leicht nach rechts.
Diese Fächerkomposition erzeugt eine Dynamik, die an pflanzliches Wachstum und an menschliche Geste gleichermaßen erinnert. Die äußeren Ränder des Bildes bleiben ruhiger, das Schraffurwerk des Hintergrundes tritt dort deutlicher hervor und gibt dem zentralen Geschehen einen strukturierten, festen Rahmen.
Der Bildraum ist so angelegt, dass das Auge unweigerlich zur Mitte geführt wird und von dort aus den aufstrebenden Bewegungen folgt, immer wieder nach oben, immer wieder in Richtung jener Weißfelder, die sich aus dem warmen, leuchtenden Ocker und Gelb des Hintergrundes behaupten.
Kulturelle Kontextualisierung
Wir leben in einer Zeit, in der kollektive Erschütterungen, gesellschaftliche Polarisierung und der Verlust von Orientierung viele Menschen in persönliche und gemeinschaftliche Tiefschläge führen. „Aufrichtung“ fragt danach, was es braucht, um aus einem solchen Moment wieder zu sich zu finden. Die Antwort, die dieses Bild gibt, ist eine zutiefst kulturelle: Es ist die Klarheit über die eigene Identität, die trägt, nicht äußere Stabilität.
Politische Kontextualisierung
In einer Zeit, in der politische Systeme und demokratische Selbstverständlichkeiten unter Druck geraten, in der Populismus und Angst die öffentliche Debatte bestimmen, stellt diese Arbeit eine stille Gegenfrage. Wer weiß, wer er ist, lässt sich nicht beliebig verbiegen. „Aufrichtung“ ist deshalb auch ein politisches Bild: Es handelt von der Würde, die aus Selbstkenntnis entsteht, und die keine äußere Instanz verleihen oder nehmen kann.