Nr. 291 / Energiegefühl / 50×65 cm / 2026 / Acryl und Tusche auf Acrylpapier mit Leinenstruktur #Weißfelder des Lebens
Manchmal kommt der Moment, in dem ich spüre, dass ich nicht mehr suche. Alles fließt. Die Farbe trifft das Papier genau dort, wo sie hingehört, die Form entscheidet sich von selbst, und das Denken löst sich auf in reines Tun.
Dieses Gefühl, vollständig in der eigenen schöpferischen Kraft zu sein, ist das Thema dieser Arbeit. Ich nenne es Erschaffensenergie. Es ist jener Zustand, den viele kennen und doch selten benennen: das Brennen, das nicht verlischt, weil es aus dem Inneren kommt.
Die Arbeit zeigt eine Komposition, die von dieser Energie durchdrungen ist. Auf leuchtendem Goldgelb, das als chromatische Bühne für die gesamte Farbdramaturgie fungiert, entfalten sich breite, schwungvolle Formen in tiefem Karmesinrot und Dunkelrot.
Diese Formen bewegen sich diagonal und leicht kreisend über die Bildfläche, als würden sich Glutspuren durch ein loderndes Zentrum bewegen.
Der Hintergrund selbst ist keine passive Fläche. Er lebt in der Schichtung von Orangetönen, Rottönen und dem pulsierenden Gelb, das überall dort sichtbar bleibt, wo die oberen Schichten Raum lassen.
Den gesamten Rand dieser Arbeit umsäumt ein feines, geometrisches Netz aus Tuscheschraffuren in Dreiecksformen. Diese Schraffuren sind keine ornamentale Rahmung. Sie sind eine Gedächtnisschicht.
Sie stehen für die akkumulierten Erfahrungen meines Lebens, für alle Momente des Scheiterns und Gelingens, für die Narben ebenso wie für die Triumphe.
Die Schraffuren ziehen sich auch in das Innere der Arbeit, dort erkennbar als feine lineare Strukturen unter den breiten gestischen Schwüngen.
Diese Schachtelung erzeugt eine spürbare Tiefenwirkung: Es gibt eine Oberfläche der Energie und darunter eine Schicht des gelebten Lebens, aus der heraus die Energie erst wächst. Wer genau schaut, sieht die Dreiecksgitter hinter dem Feuer und versteht, dass das Feuer nicht trotz der Erfahrung brennt, sondern wegen ihr.
In den breiten Schwungformen dieser Arbeit öffnet sich das Weiß wie ein Atemkanal mitten im Glutstrom. Diese Weißflächen sind keine Unterbrechung der Energie, sondern ihre Bedingung.
Sie halten die Verbindung zwischen der Tiefe des Gefühlslebens und der Oberfläche des Handelns lebendig. Weiß ist in meiner Arbeit niemals Stille als Abwesenheit. Es ist Identität als Anwesenheit. Es ist der Ort, an dem ich bei mir bin, auch wenn das Feuer mich umgibt.
Dieses Weiß steht für meine Gelassenheit, Freiheit und den unverwechselbaren Kern des Selbst.
Gelassenheit bedeutet in meinem Verständnis nicht, dem Feuer auszuweichen. Gelassenheit bedeutet, inmitten des Feuers zu wissen, wer ich bin. Sie macht den Widerstand begehbar. Sie ist der Kanalzug, der das Kaminfeuer der Erschaffensenergie nicht erlöschen lässt, wenn der Wind von außen dagegen bläst.
Das Flackern eines Strohfeuers kenne ich gut. Es leuchtet hell auf, reißt mich mit, und erlischt dann, sobald die erste Ablenkung eintritt, der erste Zweifel, die erste fremde Anforderung.
Die Erschaffensenergie, die ich meine, brennt anders. Sie ist kein Strohfeuer. Sie ist ein Kaminfeuer, das seine Wärme hält, weil es einen Ort hat, einen Kamin, der es trägt und schützt.
Dieser Kamin ist die Gelassenheit. Auf der Leinwand sehe ich das in den kreisenden Formen, die sich nicht verlieren, die die Bewegung aufnehmen und sie in einer Geste halten, die zugleich wild und souverän ist. Die Farben Gelb und Orange stehen hier für die Strahlkraft und Wärme dieser schöpferischen Quelle. Das Dunkelrot steht für die Intensität, die dieser Zustand kostet, und für die Tiefe, aus der er kommt.
Kulturelle Kontextualisierung
Im Jahr 2026 berichten Studien, dass mehr als 62 Prozent der kreativen Berufstätigen unter kreativem Burnout leiden, weil äußere Druckfaktoren die schöpferische Energie systematisch untergraben. Kunst, die das Kaminfeuer der eigenen Erschaffensenergie sichtbar macht, ist deshalb heute eine kulturell notwendige Intervention. Diese Arbeit erinnert daran, dass Gelassenheit kein Rückzug ist, sondern die einzige produktive Antwort auf eine Welt, die ständige Sichtbarkeit und Reaktionsschnelligkeit von uns fordert.
Politische Kontextualisierung
Eine Gesellschaft, die Menschen zunächst verwundet und ihnen danach Kurse in Resilienz empfiehlt, handelt zynisch, und eine Demokratie, die auf dauerhafter Erschöpfung ihrer Bürger gebaut ist, verliert ihre eigene Kraft. Eine Kulturpolitik der Resilienz muss die Freiheit künstlerischen Handelns schützen und verlässliche Möglichkeitsräume schaffen, in denen Gelassenheit als aktive Haltung gelebt werden kann. Diese Arbeit ist ein Plädoyer dafür, die innere schöpferische Energie nicht dem äußeren Lärm zu überlassen, sondern sie mit Gelassenheit zu schützen, zu nähren und zu entfalten.