Nr. 294 / Durchweißung / 65×50 cm / 2026 / Acryl auf Acrylpapier mit Leinenstruktur #Wörter mit weiß
Wenn ich vor Durchweißung stehe, sehe ich zuerst eine Fläche in Bewegung. Die Arbeit öffnet sich wie ein Fenster, durch das mehrere Zeiten gleichzeitig hindurchscheinen. Nichts an dieser Komposition ruht vollkommen, und genau das macht ihre Ruhe so glaubwürdig. Weiß durchzieht die gesamte Fläche wie ein Atem, der sich seinen Weg durch ältere Schichten sucht.
Die Komposition dieser Arbeit lebt von einem Wechselspiel zwischen geometrischer Klarheit und gestischer Kraft. Klare Formen in Violett, Flieder und Rosa treten aus dem hellen Grund hervor wie Erinnerungen, die sich plötzlich ins Bewusstsein drängen. Über diese geordneten Formen legen sich kraftvolle, raue Bahnen in Weiß und Grau, die diagonal durch die Fläche ziehen und eine fast grafische Spannung erzeugen. Diese Bahnen wirken wie Wegmarken, die quer durch die Arbeit verlaufen und die verschiedenen Zeitebenen miteinander verknüpfen. An mehreren Stellen öffnet sich das Weiß der Bahnen zu Durchlässen, schmalen Dreiecken und Winkeln, durch die der farbige Grund sichtbar bleibt. Diese Durchlässe sind für mich keine Lücken, sondern bewusste Übergänge, durch die die emotionale Tiefe der Arbeit lebendig bleibt und niemals vollständig unter dem Weiß verschwindet.
Die Farben der Vergangenheit
Der Hintergrund dieser Arbeit trägt die Farben einer gelebten Geschichte. Das tiefe Violett in den unteren Bildbereichen steht für jene Kapitel, die schwer und dicht in mir liegen, für Erfahrungen, die ich lange mit mir getragen habe, bevor ich sie verstehen konnte. Das hellere Flieder und die zarteren Violetttöne markieren die Übergänge, jene Phasen des Nachdenkens, in denen Schmerz sich langsam in Erkenntnis verwandelt. Das Rosa in den oberen Ecken der Arbeit erinnert mich daran, dass nicht jede Erinnerung aus der Vergangenheit von Schwere bestimmt ist. Manche Muster tragen auch Liebe, Zärtlichkeit, Zuneigung und leise Freude in sich, und genau diese Vielschichtigkeit wollte ich in der Farbwahl sichtbar machen.
Weiß als gelebte Identität
In all meinen Arbeiten steht Weiß für Gelassenheit, für Freiheit und für Identität, niemals für Leere oder Stille im Sinne einer Abwesenheit. In Durchweißung erhält dieses Prinzip eine besonders klare Gestalt. Der Titel selbst beschreibt einen Vorgang, keinen Zustand des Stillstands. Weiß lagert sich hier nicht einfach über die Vergangenheit, es bedeckt sie nicht und es verdrängt sie nicht. Es durchdringt die darunterliegenden Muster, ohne sie auszulöschen, und genau darin zeigt sich für mich, was gelebte Identität wirklich bedeutet.
Ich verstehe mich nicht als jemand, der seine Vergangenheit hinter sich lässt, sondern als jemand, dessen Gegenwart durch diese Vergangenheit hindurchgewachsen ist. Gelassenheit ist für mich kein Ausweichen vor Schwierigkeit, sondern der aktive Durchgang durch sie, ein Weg, der den Widerstand selbst produktiv und begehbar macht. Sprache und Malerei verbinden sich in dieser Arbeit zu einer gemeinsamen Haltung. Weiß wird zur Sprache, und diese Sprache wird zur Haltung, mit der ich mir selbst und meiner Geschichte begegne.
Kulturelle Kontextualisierung
Viele Menschen suchen heute nach einer Identität, die Herkunft nicht verleugnet und trotzdem neue Wege zulässt. Durchweißung zeigt, dass Wandel und Erinnerung sich nicht ausschließen, sondern einander tragen können. In einer Kultur, die oft zwischen Bewahren und Loslassen schwankt, plädiert diese Arbeit für einen dritten Weg, das bewusste Hindurchgehen.
Politische Kontextualisierung
Gesellschaften ringen derzeit intensiv darum, wie sie mit ihrer eigenen Vergangenheit umgehen wollen, ohne in Verdrängung oder Lähmung zu verfallen. Durchweißung erinnert daran, dass Fortschritt nicht bedeutet, Geschichte auszulöschen, sondern sie zu durchdringen und daraus eine freiere Gegenwart zu formen. Eine offene, tolerante Gesellschaft braucht genau diese Haltung, das Vergangene anzuerkennen und dennoch mutig nach vorne zu gehen.