Nr. 296 / weißverkantet / 36×48 cm / 2026 / Acryl auf Acrylpapier mit Leinenstruktur
Weißverkantet meint die Fähigkeit, die Richtung zu wechseln und dabei ganz man selbst zu bleiben.
Der Grund der Arbeit teilt sich diagonal in ein tiefes, kühl gesättigtes Blau links unten und ein helleres, offeneres Türkis rechts oben, und beide Töne tragen die Gefühlsebene als ein Verhältnis zweier Zustände.
Die Kante zwischen ihnen läuft der Bewegung des Weißen entgegen und gibt dem Grund eine eigene Richtung, gegen die sich alles Weitere behaupten muss. Über diesem Feld steht ein weißer Körper in drei Abschnitten, der oben nach rechts ausgreift, in einer breiten Diagonale nach links unten absteigt und zuletzt erneut nach rechts ausläuft.
Das Weiß liegt dabei nicht als Fläche auf dem Grund, sondern als massige, körperhafte Substanz, die spürbar Volumen beansprucht und sich gegen die Ebene des Bildes stemmt. In dieser Masse arbeitet das Licht, denn jede Wölbung, jeder Grat und jede feine Stauchung fängt es anders auf und erzeugt Abstufungen von kühler Helligkeit bis zu weichen, fast warmen Schatten.
So gewinnt das Weiß eine Tiefe, die nicht gemalt, sondern erlebt wird, und je nach Standpunkt des Betrachters verschiebt sich dieses Relief vor seinen Augen.
Zweimal knickt der Körper hart ab, und an diesen Stellen stauchen sich die Grate zu feinen Falten, in denen sich die Spannung der ganzen Arbeit sammelt. Die Verkantung ist für mich der eigentliche Fokus dieser Arbeit, weil die Bewegung dort ihre Richtung ändern muss und dennoch zusammenhängend bleibt.
Auch die Kante im Grund arbeitet an dieser Tiefe mit, denn sie kippt zwischen zwei Lesarten, einmal als bloße Teilung einer flachen Fläche und einmal als Bruchkante eines Raums, in dem der weiße Körper tatsächlich steht.
Der Betrachter pendelt zwischen beiden Wahrnehmungen hin und her, und aus diesem Pendeln entsteht ein Dialog zwischen der Arbeit und dem, der vor ihr steht.
Gelassenheit verstehe ich genau so, als einen Durchgang durch den Widerstand, bei dem die Form der Kante standhält und ihre eigene Kontur behält, während Weiß hier Identität als Anwesenheit trägt und Freiheit als die Fähigkeit erscheint, zwei getrennte Zustände zu überqueren, ohne sich für einen zu entscheiden.